Das ist so ähnlich wie VW fahren

1990, ungefähr. Studenten in Wien, und am Abend geht man manchmal aus. Trifft Freunde, lernt neue kennen, und auf so einen Neuen wollen wir uns jetzt konzentrieren.
Er hieß Bernhard und hatte einen lustigen Nachnamen. Ein cooler Typ, groß und blobd, die Mädchen standen auf ihn. Schnell und gern wurde er in unserer Clique aufgenommen. Besonders fein: Er hatte ein Auto, und mit dem grünen Citroën 2CV vom Schleicher („Ente“) und meinem geschenkten alten orangen Peugeot 104 („Karotte“) hatten wir nun, mit dem „Käfer“, alle zusammen genügend Fahrgelegenheiten, um auch mal mit dem Auto wegzufahren, in die Natur und so.
Was wir zwar nie machten, aber immer wieder planten.
Der VW
Das Auto von Bernhard war also ein alter roter Käfer, vielbewundert. Geerbt hatte er ihn, denn als Student auf unserer Ebene konnte man sich zwar unter Umständen den Unterhalt eines Autos leisten, aber selten den Kauf. So war das bei uns allen, die ein Auto hatten: Man hatte es meist innerhalb des Familienverbands gratis überlassen bekommen (weil „eh schon Schrott“) und wenig Geld hineingesteckt, um es fahrtüchtig zu halten, pflegte es zwar und war stolz darauf, aber es war uns immer bewusst, dass es ein Abo auf Zeit war. Ein Gebrauchsgegenstand, von dem man nie wusste, ob man ihn noch einmal „durchs Pickerl“ (§57a-Begutachtung) bringen würde. Denn das hing immer von den Kosten ab, die eine weitere Instandhaltung verlangen würde. Nicht, ob sich die Reparaturkosten rentierten oder nicht, sondern ob man das Geld hatte oder nicht. Also: nichts auf Dauer.
Aber in dieser unserer Lebensphase war das Meiste nicht auf Dauer und musste es auch gar nicht sein. Wir konzentrierten uns aufs Studium, unsere jeweiligen Minijobs und das Vergnügen.
Der Feminismus
Wir hatten damals neben Ausflugsplänen, Autos und den Studentenstreiks noch viele andere Themen, zum Beispiel unter uns Mädchen den (in unserer Wahrnehmung) gerade aufflammenden, ganz neuen Feminismus. Nicht zu vergleichen mit dem, was heute bewusst ist und aufgezeichnet und geregelt wurde oder wird, und erstaunlicherweise in vollem Unwissen über alles, was Johanna Dohnal schon erreicht hatte – das nahmen wir als gegeben. Uns ging es zu dieser Zeit erst darum, Ungerechtigkeiten, die uns im Alltag begegneten, spüren und merken zu lernen, benennen zu lernen und sich sich zu trauen, den eigenen Gefühlen zu trauen und dafür einzustehen, eventuell sogar zu kämpfen.
Ingrid, die ganz verwegen in einer sonst-nur-Männer-WG wohnte, erzählte eines Abends begeistert, dass ihre Mitbewohner ihr in einem kurzen Gespräch mitgeteilt hatten, sie solle ihre Menstruationsartikel bitteschön auch vom gemeinsamen Haushaltsgeld kaufen und sich nicht allein damit belasten. Das fanden wir alle erstaunlich (in einer Zeit, in der man nicht mal auf die Idee gekommen wäre, dass der eigene Freund die Hälfte der durchaus hohen Verhütungskosten bezahlen könnte oder sollte). Ingrid hatte mit keinem von denen ein Verhältnis oder Sex, und trotzdem dachten sie in einem doch intimen Bereich für sie mit. (Aus heutiger Sicht und meinem Empfinden nach ist allein schon diese Argumentation ein Wahnsinn – und mir fällt auf, dass der Rasierschaum der Mitbewohner seit jeher vom gemeinsamen Haushaltsgeld bestritten worden war, aber trotzdem: Die Geste in dieser Zeit ist immer noch eine Schöne, lassen wir es so stehen).
Aufklärung
Wir kamen von einem zum anderen. Wir saßen alle am Boden in irgendeiner WG, jede:r hatte ein Bier in der Hand, das sie oder er langsamer oder schneller austrank. Wir mochten uns, fanden uns schlau und abgeklärt, fühlten uns alle gleich. Verständnis, Angenommensein. Irgendwann gestand Bernhard, genau: der mit dem VW, dass er keine Ahnung vom Zyklus der Frau habe. Eisprung, Menstruation und so – In der Schule hatte er gefehlt, als sie das durchgenommen hatten, seine Eltern waren verklemmt und hatten überhaupt nie mit ihm über „diese Dinge“ gesprochen, außer, dass er ja nie einem Gspusi ein Kind machen dürfe. Sex hatte er schon gehabt „und man weiß ja intuitiv, wie das geht“, aber „theoretisch wissen“ würde er nichts davon. Er fühle sich ausgeliefert, erklärte er treuherzig mit großen Augen und Blick von unten.
Eine kleine Mädchenschar (ich nehme mich nicht aus) machte sofort mit ihm einen Termin für den nächsten Abend aus, an dem sie ihn über alles aufklären würden. Keine Sache, eine Stunde würde weitaus genügen, er könne auch Fragen stellen, aber das Wissen um den Zyklus zum Beispiel ist einfach wichtig, für Frau und Mann.
Am nächsten Tag, zwei Stunden vor dem vereinbarten Termin, sagte Bernhard allerdings ab.
Es sei ihm schad um die Zeit, er wolle „das Ganze“ gar nicht wissen.
Es bringe ihm rein gar nichts, es betreffe ihn ja nicht.
Denn er müsse ja auch kein Automechaniker sein, wenn er mit seinem VW fahren wolle.
Foto: JuliusH/Pixabay

