Ein Fingerzeig …

Was in Bludenz der Nepomukbrunnen – der „Nepo“-, das war in Wien lange Zeit der Donnerbrunnen: während der Wienwoche, mit 17, lernten wir bei der Innenstadtführung, dass sich hier die „Mods“ und „Popper“ treffen, gleich wie sich zur selben Zeit beim Nepo die Rocker und die damals hier noch Undefinierten mit dem Haarschlurf über dem Auge cool gaben.

Solche Treffpunkte, vorwiegend Brunnen, gibt es natürlich in jeder Stadt. Unterschiedlich ist nur der Stand des Modetrends der „In- Leute“, die sich dort treffen. In London bestaunte ich damals die Punks, in New York die Freaks mit der Boombox auf der Schulter, und im Dschungel die Barbusigen mit ihrem Wäscheschaffel auf dem Kopf.

Man gewöhnt sich an, erst dann damit anzugeben, dass man eine Stadt kennt, wenn man auch den Brunnen, an dem sich die Hautevolee trifft, zumindest gesehen hat. Als ich nun vor einiger Zeit zum ersten Mal in einer Wiener Vorstadt namens Perchtoldsdorf war, bewunderte ich als eines der ersten Monumente den Brunnen im Zentrum: der heilige Leopold, der Landespatron von Niederösterreich, steht auf einem Sockel mitten im kühlen Nass, blickt theatralisch gen Himmel und hebt eine Hand, hält flehend die Finger nach oben und böte so den idealen Platz für ein Vogelnest in seiner hohlen Hand, die Finger einzeln als Begrenzung ausgestreckt. Dachte ich zumindest in meiner kleinbürgerlichen Fantasie, denn es sollte anders, viel lustiger kommen und, vor allem, gedeutet werden.

Denn genau aus dem Grund, dass der Brunnen noch immer nicht als „Stadtzentrum“, als Treffpunkt akzeptiert war, wurde ein Volksfest veranstaltet, das den Heiligen auf dem Brunnen in den Mittelpunkt rücken sollte. Eine Schnur, an der zur Freude der Besucher Luftballons befestigt waren, wurde in der Nähe des Leopold aufgehängt, und tatsächlich war der Besucheransturm groß. Die Sonne schien, das Lüftchen wehte, und so verfing sich die Luftballon-Girlande bald in den Fingern von Leopold, dem Flehenden.

Abends war der Platz dann wieder leer.

Man begann, die Dekorationen abzubauen, schon mehr zweifelnd als hoffend, ob und dass das Fest zur Stadtbelebung überhaupt etwas gebracht habe. Ein Vorsichtiger erklomm den Sockel der Statue auf dem Brunnen und versuchte, Leopolds Hand von dem Girlandenwirrwarr zu befreien.

Da brach der Finger ab. Und dann ein zweiter.

Ein dritter und ein vierter.

Nur einer blieb übrig.

Sie fragen sich wirklich, welcher?

Das Zentrum von Perchtoldsdorf ist jetzt plötzlich doch belebt. Nicht wegen des Brunnenfestes, oder höchstens indirekt deswegen. Denn seit seinem Intermezzo mit der Girlande ist der heilige Leopold, der seine Hand mit dem einzigen noch übrigen Finger immer noch theatralisch – und vielleicht auch ein bisschen unflätig – in die Höhe streckt, wirklich der Mittelpunkt, fast sogar eine kleine Pilgerstätte der Jugend rundum geworden.

Nur einer blieb übrig
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Die Menschheit zur Freiheit bringen, das heißt, sie zum Miteinander reden bringen.”
Karl Jaspers, dt. Philosoph (1883-1969)
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