Denken und sehen …

Wer in Wien herumsitzt und sich nach Schnee und Schifahren sehnt, deckt an Schlechtwetter-Sonntagen den Frühstückstisch im Wohnzimmer vor dem Fernseher und konsumiert neben dem Schinkenbrot ein Schirennen . Und Sonntage, die so beginnen, haben ein hohes Potential: Man ruht sich ganz besonders gut aus, weil man meist nach dem Rennen und dem Frühstück wieder einschläft und nachholt, was man während der Woche versäumt hat.

Doch schon vor einigen Jahren begann mich etwas schlafraubend zu ärgern: die Sicht.

Nicht der Nebel auf der Piste oder die Sicht des alten Fernsehgerätes, sondern die Sicht der Moderatoren. Denn „Sicht“ wurde in einem ganz und gar falschen, mir den Magen verdrehenden Sinn, deren Lieblingswort.

Es begann – ich erinnere mich genau! – in einem deutschen Sender vor etwa fünf Jahren. „ … aus deutscher Sicht ist das natürlich ein Vorteil …“, knurpelte der Moderator, und ich dachte, da ist eben ein Anfänger am Werk, der halt von der Situation überrascht nicht sofort die richtigen Worte findet. Da muss man schon verständnisvoll sein. Aber auch im nächsten Rennen wurde die Sicht der Deutschen strapaziert. Ausgerechnet unsere Anita Wachter wurde gefragt, wie denn „aus österreichischer Sicht ihre Prognosen“ stünden. (Ich weiß das deshalb so genau, weil ich mir gewünscht hätte, dass sie ihn in ihrem damals neuen, aber wohlklingenden Hochdeutsch korrigiert).

Ab diesem Zeitpunkt verzichtete ich auf die deutschen Übertragungen und besann mich wieder der österreichischen. Aber noch in der selben Saison begannen auch die Unsrigen, die Sicht des Deutschen zu verstellen. „Aus österreichischer Sicht“ war auf einmal eine Modephrase, alles war aus österreichischer Sicht wunderbar oder schlecht oder vorteilhaft oder was auch immer. Für mich nur ärgerlich. Ich ertappte mich dabei, nicht mehr daumenhaltend mein Schinkenbrot in den Mund hineinzu balancieren, sondern auf die nächste Sicht-Phrase zu lauern und mich dann zu ärgern.

Dann hörte ich einfach für lange Zeit auf, Schirennen anzusehen. Ich begnügte mich damit, die Ergebnisse in der Zeitung nachzulesen, wo die Journalisten Deutsch können. Bis ich vor einigen Samstagen wieder über eine Übertragung stolperte. Und nachdem ja auch die Sprache Trends unterworfen ist, hoffte ich, dass die vielgehasste Phrase wohl verschwunden sei – weit gefehlt.

„Aus österreichischer Sicht sind die Damen heuer einfach nicht so erfolgreich wie sonst“, sagte der Moderator anstatt einfach „die österreichischen Damen sind heuer nicht so erfolgreich wie sonst“. „Aus österreichischer Sicht ist der Slalom ausgezeichnet gesteckt“ anstatt „für die Österreicher ist der Slalom ausgezeichnet gesteckt“. „Aus österreichischer Sicht“ hatten die Damen nichts zu verlieren, und aus „österreichischer Sicht“ waren wenigstens die Herren erfolgreich. Während des ganzen Rennens wurde die Phrase gezählte dreiundvierzig Mal falsch verwendet und ich habe genug. Vor lauter Zählen habe ich nicht einmal mitbekommen, wer gewonnen hat.

Meine Sicht der Dinge ist jetzt einfach die, dass ich darauf verzichte, mich über die Sicht und die Nicht-Sicht zu ärgern und mir geschworen habe, die Schirennen, wenn überhaupt, nur noch ohne Ton anzusehen, um mir das Hirn nicht mit falschem Deutsch vollzuklopfen. Aber leider ist der Virus der Sicht ansteckend. Denn bei der Übertragung der Eröffnung der Winterspiele in Nagano fragte sogar unser Elmar Oberhauser, ob es „bei der Errichtung des Österreich-Hauses aus österreichischer Sicht Probleme“ gegeben habe (sic!). Ich drehte angewidert ab.

Und auf lange Sicht werde ich auch in Zukunft außer Sicht sein, wenn ein Schirennen in Sicht kommt, denn aus meiner Sicht (nämlich von meiner Warte aus gesehen) ist die deutsche Sprache viel zu schön, als dass man sich darüber sehenden Auges in vielerlei Hinsicht ärgern sollte.

Die Sicht der Dinge
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Unsere Hauptschwierigkeit bei der Kommunikation ist es, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft zu erfassen, wieviel die anderen Leute wissen oder nicht.”
Cyril Northcote Parkinson, brit. Historiker u. Publizist (1909-93)
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