Man lernt nur dann und wann etwas; aber man vergißt, den ganzen Tag.
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), deutscher Philosoph  

Ich habe es vergessen. 

Den ganzen Tag lang wusste ich es noch. Dachte daran, in so vielen Augenblicken. Aber dann hatte ich immer gerade etwas in der Hand, oder ich musste – nur schnell! etwas fertig machen, oder ich konnte nicht von meinem Platz aufstehen, oder ich wurde gleichzeitig etwas gefragt. 

„Erinnere Dich dran!“, befahl ich mir dann, bevor ich das Etwas aus meiner Hand ablegte, meine Arbeit beendete, von meinem Platz aufstand oder antwortete.
Kein Problem. So oft, wie es mir einfiel, konnte ich es gar nicht vergessen. Und dann war da ja noch meine berühmte Intuition. DAS würde ich nicht vergessen.
 

Und jedes Mal, wenn ich die Hände dann frei, meine Arbeit getan, meinen Platz verlassen oder die Antwort gegeben hatte, war da nichts mehr. Nichts mehr, außer das nächste Teil, das ich in die Hand nehmen musst, die nächste Aktion, die ich beginnen sollte, der nächste Platz, auf den ich mich setzen wollte und die nächste Antwort, der ich nachsann. 

Viele Male, viele Male an einem einzigen Tag. 

Dann der nächste Tag. Ich wusste noch beim Zähneputzen ganz genau: Das darf ich nicht vergessen. „Easy“, antwortete ich mir in Gedanken, „du hast in den letzten Tagen so oft daran gedacht. DAS vergisst du nicht!“
Aber schon wieder konnte ich meine
n Gedanken nicht gleich in die Tat umsetzen: in der einen Hand die Zahnbürste, in der anderen das Handtuch, während des Zähneputzens, am Waschbecken im Badezimmer mit dem Mund voller Schaum konnte ich doch unmöglich sofort … 

Und dann ging ich. Raus aus der Wohnung, rein ins Auto, immer weiter von zu Hause weg, und auf der Autobahn, als es kein Zurück mehr gab, kam der Gedanke: „Das darfst du nicht vergessen!“
„Egal“, antwortete meine Intuition. „Heute brauchst Du es noch nicht so dringend. Es reicht morgen, oder übermorgen. Haarig wird es erst …“. Und schon wieder: In den Händen das Lenkrad, musste ich zur Arbeit, saß in meinem Auto fest und formulierte die Antworten für den kommenden Tag. 

So verging auch der nächste Tag.  

Und die nächsten Tage. 

Jeden Morgen im Auto das „Mist, vergessen!“, jeden Abend zu Hause X Mal das „Das darfst du nicht vergessen“, aber jedes Mal die Hände voll, mitten in der Arbeit, an einem Platz weit entfernt vom Ziel meiner Unvergessenheit und immer noch eine Antwort, die ich geben sollte, bevor ich abermals vergaß.
Und jedes Mal die berühmte Intuition: „DAS vergisst du nicht, das ist dir viel zu wichtig!“
 

Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr um Jahr. 

Jetzt bin ich alt. Meine Hände sind leer. Ich arbeite nur noch im Kopf. Täglich sitze ich auf meinem Sessel, wohin sie mich setzen, damit ich frische Luft schnappen kann, und Antworten will keiner mehr von mir.  

Und ich sinniere. Da war doch noch etwas. Etwas, das ich vergessen habe. 

Aber ganz vergessen bin ich ja nicht. Es kommen Leute, begrüßen mich herzlich, und ich habe keine Ahnung, wer sie sind. Sie beschäftigen mich, wollen, dass ich Fotoalben umblättere, deren Bilder mir nichts sagen, und kaum bin ich fertig, drücken sie mir das nächste Teil in die Hand. Das ist Arbeit. Und ich komme nicht zum Nachdenken, obwohl ich genau weiß, dass ich etwas vergessen habe. Und dann wollen sie auch noch Antworten von mir, als hätte ich noch nicht genug in meinem Leben gesag. 

„Das vergisst du nicht, jetzt hast du ja Zeit zum Nachdenken!“, beruhigt mich dann meine Intuition, die vielgerühmte. Und wenn sie wieder weg sind, die Fremden, sitze ich wieder da, kann nicht weg von meinem Platz, und muss das Vergessene schon wieder so lange aufschieben, bis ich es wieder vergessen habe. Das Vergessene vergessen. 

Dann habe ich mich selbst vergessen, noch viele Tage, Wochen und Monate, die sie mich in den Lehnstuhl setzten. Und als ich starb, wurde ich auch irgendwann vergessen. 

Was so wichtig war, dass es mich ein Leben lang beschäftigt hat? Das habe ich vergessen, und mit mir alle anderen. 

Denn wichtig ist, was ich nicht vergessen habe. Was mir einfiel und so in mir brannte, dass ich, was ich in den Händen hielt, ablegte, meine Arbeit unterbrach, meinen Platz verließ und auf die Antwort pfiff, deren vorausgehende Frage mich von meiner Idee abbringen wollte 

Und alles andere ist, sprichwörtlich: zum Vergessen. 

 

 

Zum Vergessen
Ein Führender, der nicht kommunikationsfähig ist, genießt kaum Vertrauen.”
Baldur Kirchner, Manager Coach (*1939)
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