Dönz. So weit man weiß
Unsere Familiengeschichte
Ich hatte wunderbare Großeltern, die sich immer dann um uns kümmerten, wenn uns die Freiheit, die wir genossen, doch zu groß wurde.
Und sie erzählten. Beide. Aus ihrer Kindheit, aus ihren Familien, aus ihrem Leben. Wir saßen dabei aber nicht leutselig mit einer brennenden Kerze um den Tisch beisammen, während sie erzählten: Das geschah immer „nebenbei“. Während uns gezeigt wurde, wie man eine Schnur dreht. Wie man einen Dietrich richtig einsetzt. Wie man mit einem Hammer als Notbehelf Nieten fixiert. Während wir für die Gäste ihrer Pension das Frühstück machten. Beim „Holz Biegna“.
Franzose oder Montafoner?
Die Geschichte meiner Omalin scheint immer wieder in „Außer Haus“ durch. Das Leben von Opalin, das war mir schon als Kind klar, würde mal ein eigenes Buch werden. Wie kommt es, dass ich einen französischen Großvater habe, der gleichzeitig ein richtiger „Ur-Montafoner“ war? Einer, der französisch flucht und gleichzeitig alte Dialektausdrücke benützt, die sogar heute kaum einer mehr kennt? Opalins Geschichte hat mich immer inspiriert. Ohne sie hätte ich vielleicht gar nie begonnen, eigene Texte zu schreiben. So hat „Dönz“ auch schon in kleinen Notizen und größeren Szenen bereits vor mehr als vierzig Jahren begonnen, zu entstehen.
Denn noch bevor ich selbst schreiben konnte, habe ich begonnen, alles Alte Handschriftliche, das ich im Haus meiner Großeltern in Schubladen, Zeitungsstapeln, zwischen Büchern und sogar im Keller gefunden habe, an mich zu nehmen und zu sammeln. Auch Fotos, die ich noch zu Lebzeiten mit meinen Großeltern durchgegangen bin, um zu erfahren, wer diese Leute auf den kleinen grauen Bildchen waren. Und Dokumente, die später sowieso keiner außer mir lesen konnte oder wollte – französisch, in Sütterlin, krakeligen Handschriften, die ich selbst lange nicht entziffern konnte und teils in Sprachen, die lange in mir schlummern mussten, bis ich „den Clou“ fand. Die Familie lächelte darüber, mir war es wichtig, man ließ mich gewähren.
Denn irgendwann starben sie alle nacheinander: zuerst Opa (Ernest Joseph Antoine), dann dieser (sein Bruder Erwin Jean), dann der ander (sein Bruder Otto Eugène), dann Omalin und Tante Mari. Jedes Mal wurden Häuser ausgeräumt und renoviert oder neu gebaut und die ganze Familie lud immer wieder Bananenschachteln voller Papier bei mir ab, denn Papier, das ist meins, das ist in meiner Familie schon seit langem Tatsache.
So kamen mit den Jahren zwei wäscheschaffelgroße Boxen „Papier“ zusammen, die ich so gut es ging chronologisch ordnete. Viel später transkribierte, las, in Zusammenhang brachte. So manches Erzählte verstand ich überhaupt erst jetzt. Im Lauf der Jahre waren das über 260 Briefe und mehrere Ordner mit alten Dokumenten aus der Zeit von 1895 bis 1964 aus mehr als zehn europäischen Ländern, und ein Konvolut an Fotos, die ich mit dem in den Briefen transportierten Wissen zusammen mit den Erzählungen meiner Großeltern und weiteren Recherchen – alten Zeitungsartikeln und amtlich erhaltenen Dokumenten – gut in die Informationen packen konnte, die ich schon hatte. Denn, eben und danke: Oma und Opa haben mir immer viel erzählt.
Richtungsweisende Fotos aus ihren Leben, die Briefe, die Orte mit spezieller Bedeutung und die Wege der Brüder im Krieg habe ich online im Dönz: Museum daheim aufgezeichnet. Keine Angst, es gibt eine Legende dazu, wie das Museum zu bedienen ist!
In Kombination mit Geschichte ergab das die Geschichte von „Dönz. So weit man weiß“. Deshalb möchte ich meiner ganzen Familie danken, dass sie mich mit Material, Wissen, Sprüchen und Episoden versorgt haben!
„Außer Haus“ war der Testballon und hat – danke, Ihr vielen lieben Leser! – funktioniert.
Die Geschichte – und warum sich das Lesen lohnt
„Dönz. So weit man weiß“ ist eine Familiengeschichte, die sich – soweit und so weit man weiß – genau so zugetragen hat, wie sie im Buch beschrieben ist. Die Begebenheiten innerhalb der Familie sind in die (auch, aber nicht nur politische) Zeitgeschichte eingebettet. Geschichte ergibt sich hier sogar oft aus den Briefen – nur aus der Korrespondenz wurde mir z.B. klar, dass am 12. März 1938, am Tag des „Einmarsches“ in Österreich, in Frankreich richtungsweisende Wahlen stattfanden.

Im Zentrum steht Ernst Joseph Antoine Dönz, der 1910 in Vitry-sur-Seine in der Nähe von Paris als Kind von österreichischen, Montafoner Auswanderern zur Welt kommt. Wie alle seine Geschwister wächst er dort auf und geht dort zur Schule. Die Familie wird während des Ersten Weltkriegs aber für fünf Jahre in Frankreich interniert, was seine ersten Erinnerungen formt.
Danach wächst Ernst weiter in Vitry mit starker Verbindung zum Montafon auf. 1933 muss er aus staatspolitischen Gründen als einziger seiner Brüder für Frankreich optieren, was für ihn kein Problem darstellt: Er fühlt sich als Franzose und will in Vitry bleiben – wenn er zum Skifahren ins Montafon kommen kann. Erst als der Zweite Weltkrieg ausbricht, realisiert er, dass er nun gegen seine eigene Familie kämpft: Die Eltern und Geschwister sind, um einer weiteren Internierung zu entgehen, zurück nach Österreich gezogen und Ernsts Bruder steht für die Deutsche Wehrmacht an der Front.
Das Kriegsgeschehen und die Wege der Brüder als Soldaten wird auf Basis der erhaltenen historischen Korrespondenz nachgezeichnet, die innerhalb der gesamten Geschichte immer wieder auszugsweise zitiert wird. Die Heimkehr des Ernst Dönz und die darauffolgenden Ereignisse sowohl in Paris als auch im Montafon gipfeln in einer großen Enttäuschung und dem darauffolgenden inneren Frieden:
Heimat ist da, wo das Herz schlägt und der Verstand sich wohl fühlt.
Zwei Generationen. Zwei Nationen.
Zwei Kriege. Zwei Brüder.
EINE Heimat.
Natürlich hat mich selbst die Geschichte meines Großvaters immer begeistert, allein schon deshalb, weil sie in Frankreich geformt ist und in einer Zeit beginnt, zu der ich anfangs wenig Bezug hatte. Wer hat nicht gern einen Großvater, der französisch schimpft und dessen Marotten aus einer Kindheit stammen, die sich so viel fremder anfühlt als die eigene? Wie privilegiert habe ich mich gefühlt, als ich in meiner ersten Französischstunde berichten durfte: „Mon grand-père est français!“
Für mich war aber selbst erstaunlich, wie viel ich bei der Recherche für „Dönz“ gelernt habe. Nicht nur, weil die Geschichte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und ein paar Jahrzehnte davor nach dem lange zurückliegenden Schulunterricht wieder (und viel genauer) aufrollen und nachrecherchieren musste, sondern weil ich sie endlich greifen kann, weil ich erfahre, wie sehr sie meine Ahnen betroffen hat und wie sie damit umgegangen sind. Weil meine Ahnen in ihren Briefen auch über das schrieben, was bei uns später Schulstoff war. Und dazu ihre Meinung, ihre Ängste, Befürchtungen und Witze geteilt haben. Weil sie in den Briefen ihre Persönlichkeit und Meinungen zeigen. Plötzlich war Leben in den Begebenheiten!
Mon grand-père était français, et il gardait tout; dans le sens du terme le plus vrai et le plus beau.
Mein Ziel
… dass Geschichte, endlich, nicht anonym und entpersonalisiert aus der Perspektive der Großen gezeigt wird. Sondern da, wo sie geschah: bei unseren Großeltern. Auch bei Deinen. Vor ihren Augen, in ihren Herzen. Zu ihrem Leid, zu ihrer Freud.
Nicht, als Beispiel, „Fall Barbarossa wurde eingeleitet“, sondern eine Beschreibung der Szene mit Gedanken und Dialogen, als Ernst mit Koffer und Rucksack den Zug nimmt, um einzurücken, „in den Krieg“, und den Begriff „Barbarossa“ hörte er im Radio, konnte es aber nicht zuordnen …
Noch ein Ziel: den viel jüngeren meiner Verwandten das weiterzuschenken, was Opa, Götti, Tante Mari und Onkel Otto mir mit ihren Erzählungen geschenkt haben.
Ich wünsche mir, dass Ihr die Geschichten Eurer Ahnen seht und ehrt.
Denn sie haben die Geschichte, unsere Geschichte und unsere Geschichten geformt.
Glück. Großer Dank an alle, die mitgeholfen haben!
Ich freue mich über jede:n einzelne:n Leser:in und über Euer Feedback auf allen Plattformen, die Ihr kennt!
Viel Spaß bim Läsa!
Haben Sie Fragen, Wünsche, vielleicht Lob, hoffentlich keine Beschwerden, oder wissen Sie etwas zur Geschichte? Ich freue mich über Ihre Mail an GrohsFORMAT!

