Vom besseren Leben …

Es gab Nischen in meinem Leben, da hatte ich viel, viel Zeit und habe sie oft nicht optimal genutzt: ich sah viel fern. Ich hatte meine Lieblingsserien, unter ihnen „Bill Cosbys Familienbande“, von denen ich nur selten eine Folge versäumte.

Groß war meine Freude, als ich letzthin total müde von einem stressigen Arbeitstag nach Hause kam, meine kleine Liebste mit meinem großen Liebsten unterwegs war und ich einfach nicht mehr fähig, etwas anderes zu tun als ins Patschenkino zu starren – und ich blühte in Erinnerung an frühere Zeiten auf, als ich Bill Cosby zufällig in einem privaten Programm fand.

Ich lehnte mich gemütlich zurück und entdeckte mit schockiertem Grauen, dass Illusionen in dem Maß schwinden, in dem man vom realen Leben eingefangen wird.

Mama Cosby hat brav studiert, ist eine erfolgreiche Anwältin und trotzdem immer zu Hause. Wie sie das macht, ist mir ein Rätsel – ich würde (fast) meine Seele darum geben, den ganzen Tag mit meiner süßen Tochter im Wohnzimmer Pointen schmetternd verbringen zu können. Fast blasphemisch wirkt da der Wunsch, trotzdem erfolgreich und (an Geld) reich zu werden… Und mein Studium hat weder bei der Kindererziehung noch in meinem Job jemals auch nur irgendwen ernstlich interessiert. Tatsache.

Wenn Mrs. Cosby doch einmal arbeiten oder shoppen, also einfach außer Haus war, betritt sie ein gemütliches, aufgeräurntes Wohnzimmer. Komme ich heim, fängt die Arbeit meist erst richtig an. (Unnötig, zu erklären, was ich dann alles zu tun habe). Klar, daß Mrs. Cosbys Fingernägel immer fehlerlos lackiert sind, genauso klar, daß ich nicht einmal beginne, meine einzufärben – erstens würde ich nach dem ersten Nagel unterbrochen werden („Maaammiiii!“), zweitens wäre der Lack nach der ersten Küchen- oder Putzaktion demoliert.

Wenn die Cosby-Kinder Durst haben, holen sie sich in der immer sauberen Küche aus dem Eisschrank eine Minibottle mit Vitamindrink. Bei uns gibt´s nur billigen Saft, den ich abzufüllen und zu bringen habe, wenn mein Kind danach schreit. Das schmutzige Glas steht dann in der Küche und wartet auf mich.

Allerdings frage ich mich, ob die Cosbys ihre Minibottles für den Glascontainer sammeln. Wenn ja, wo? ln der Küche steht nie was herum. Selbst wenn sie kochen, sieht man nur reinlich dampfende Töpfe und keine Schneidbretter und schmierige Erdäpfelschalen. Und wann bügelt Mama Cosby überhaupt? Wer macht ihr Bett, das immer schön adrett gerichtet ist? Wer saugt denen die riesige Bude durch? Wo sammeln die die Rechnungen? Und leeren die jemals ihren Mistkübel?

Was für ein armseliges Leben ich doch führe, dachte ich zuerst müde-deprimiert. Wenn ich daheim bin und mein Kind im Bett, arbeite ich im Haushalt oder schreibe noch einen läııgstfälligeıı Artikel – und wie oft bügle ich mir, 10 Minuten bevor ich die Wohnung verlassen muss, in aller Herrgottsfrühe eine Hose, weil alle anderen im Wäschehaufen liegen, der bei uns schon scherzhaft „Mount Everest“ heißt und als unbezwingbar gilt!

Dann beruhigte mich in Gedanken meine Mama. Wie früher, als ich mit fünf Jahren hysterisch wurde, weil Bambi plötzlich ganz alleine auf der Welt war, hörte ich sie sagen: „Es ist doch alles nur ein Filml!“ Wie gut diese Worte taten – denn eigentlich bin ich stolz, daß ich Arbeit und Familie einigermaßen „schaukle“. Und ich freue mich, wenn ich heimkomme und trotzdem manchmal noch für Kinderspiele Kraft habe. Wenn einmal meine Küche glänzt, alle Wäsche gewaschen, gebügelt und im Schrank verstaut ist,ja, ich freue mich bisweilen, wenn ich am Abend etwas trinken gehe, nicht auf die Zeit achte und genau weiß, daß daheim ein Großer und eine Kleine auf mich warten, meine Küche mit schmutzigem Geschirr verrammeln, Chips auf dem Wohnzimmerboden verteilen und Gummibärchen auf die Scheiben kleben (was übrigens herzig aussieht…).

Denn wenn ich dann heimkomme, alles zum Aufräumen zusammentrommle, Lagerleitung spiele und wieder einmal über die klassische Rollenverteilung diskutiere, weiß ich: ich lebe in der Realität. Denn den Satz: „Mami, ich hab dich lieb, ich liebe dichl“, den habe ich noch in keiner Cosby-Folge gehört. Und ich höre das oft, sogar, wenn die Küche nicht gemacht, keine Wäsche gebügelt, kaum mehr Milch und wenig Brot im Haus ist.

Und eigentlich sind mir lackierte Fingernägel sowieso zuwider.

Deshalb, und genau deshalb, nütze ich jetzt die Zeit, die ich früher mit einer fremden Familienbande verbrachte, lieber für meine eigene.

Familienbande
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Die Menschheit zur Freiheit bringen, das heißt, sie zum Miteinander reden bringen.”
Karl Jaspers, dt. Philosoph (1883-1969)
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