Kommunikation anders …

Ich sah sie zuerst nur aus der Ferne und bewunderte sie maßlos, diese große, langbeinige, blonde Schönheit mit den blauen Augen. Am Strand lag sie, ihren Luxuskörper auf der Liege ausgestreckt, und wenn sie schwimmen ging, wurden die Männer nervös.

Keiner konnte mit ihr mithalten – an ihrem Tempo merkte man, daß sie Sportlerin sein mußte, und sie schwamm beängstigend weit hinaus, um dann glitzernd zurückzukommen. Während sie sich bräunte, wurden die anderen Frauen am Strand immer blasser vor Neid.

Am Abend, wenn alle ausgingen, suchte ich sie lange vergebens. Sie schien sich nicht mit dem Touristenpulk zu amüsieren. Als ich sie später einmal an einem Tisch entdeckte, an dem noch Plätze frei waren, setzte ich mich zu ihr. Wir unterhielten uns blendend, und an diesem Abend habe ich eine Freundin gewonnen.

Den restlichen Urlaub verbrachten wir gemeinsam. Sie zeigte mir die Orte auf der Insel, wo sich die Einheimischen abends amüsieren; sie wußte, wo in einem Freilichttheater Stücke aufgeführt werden; immer war sie über die besten Märkte, die schönsten Besichtigungstouren informiert. Auf der Veranda unseres Hotels unterhielten wir uns oft bis tief in die Nacht.

Die Freundschaft hält auch jetzt noch an, obwohl sie „nur“ eine Urlaubsbekanntschaft war und die zwei Wochen auf der Insel schon lange her sind.

Wir haben schon miteinander gearbeitet, treffen uns auf Festen, pflegen schon eine Menge lustiger gemeinsamer Erinnerungen und besuchen uns viel zu wenig – jede von uns hat einen ausgefüllten Wochenplan. Doch wenn wir uns sehen, führen wir die intensivsten Gespräche und wir machen einander auf die interessantesten Bücher, Ausstellungen und Clubbings aufmerksam. Nur im Konzert waren wir noch nie.

Meine Freundin hat eine HTL für Maschinenbau absolviert und absolvierte sie – das einzige Mädchen in einer Bubenklasse – mit dem besten Abschluß ihres Jahrgangs. Danach wurde sie an der PädAK zur Lehrerin ausgebildet und unterrichtet jetzt. Obwohl sie nebenbei gerade im Begriff ist, an der Uni ihr Studium der Pädagogik abzuschließen, hat sie noch Zeit für ihr Hobby: die Schauspielerei. Sie schreibt Stücke und ist schon in Theatern aufgetreten, in die manch ausgebildeter Schauspieler nur als Zuschauer hineinkommt.

Mit ihren Schülern hat sie schon Stücke von Shakespeare, Williams und Faulkner inszeniert und ihr ist es zu verdanken, daß ihre Schule bei den Leichtathletik-Schülermeisterschaften immer ganz weit vorne liegt. Kein Wunder, war sie doch früher selbst Leichtathletin.

lch mag an Helene ihre Kraft, ihre Fantasie, ihre Träumereien und Ideen; ich mag, daß sie zupackt, daß sie vor so gut wie nichts Angst hat – und ich bin mir sicher, daß ein Gutteil ihrer Ausstrahlung daher rührt, daß sie immer freundlich und gut aufgelegt ist. Man kann mit ihr blödeln, daß man vor Lachen Bauchweh bekommt, und wenn man ein Problem hat, gibt sie brauchbare Tips anstatt leerer Floskeln.

Wir telefonieren nie, obwohl sie in einem anderen Stadtteil wohnt; wir schreiben uns per Fax. Ich habe zu Hause eine Sammlung unserer „Korrespondenz“, die ich immer wieder gern lese, denn unsere Briefe und Mitteilungen sind so etwas wie ein Tagebuch unserer Freundschaft. Sie fügt ihren Faxen meist lustige Zeichnungen bei, und ich bin nicht allein mit der Frage: „Gibt es etwas, das Helene nicht kann?“

Es gibt etwas, das sie nicht kann. Ich habe aber gelernt, daß dies denen, die es können, wichtiger erscheint als Helene selbst.

Denn meine Freundin kann nicht hören.

Sie ist gehörlos, und sie legt Wert auf diesen Ausdruck, denn das Wort „taubstumm“ sieht sie gar nicht gern auf den Lippen ihres Gegenübers. „Ich bin weder taub noch stumm, ich höre nur nichts“, kann sie aus voller Brust rufen und ihre Augen funkeln dabei herausfordernd. Und wirklich, jemanden als „taub“ zu bezeichnen, der neben dem Lippenlesen auch so genau die Gefühle seiner Gesprächspartner abcheckt, daß man oft überrascht ist, was man alles ohne Worte durch seine Mimik und Gestik verrät, ist eine Frechheit.

Meine Freundin redet auf Kongressen und in Vorträgen an der Universität über die Belange der Gehörlosen. Sie erzählt den meist unwissenden Hörenden, was es bedeutet, nichts zu hören. Sie läßt von sich hören, in sämtlichen Bedeutungen dieses Ausdrucks.

lch bewunderte sie aus der Ferne,  nun seit langem aus der Nähe, und ich habe sie sehr gern. ln unserer Freundschaft gibt es keine Konkurrenz, keinen Neid, kein Beleidigtsein und auch aus gegenseitiger Wertschätzung heraus sehen wir uns immer an, wenn wir uns unterhalten.

Nur wenn ich mit ihr und Freunden von ihr, die auch gehörlos sind, ausgehe, komme ich mir entsetzlich dumm und einfältig vor. Denn sie unterhalten sich in Gebärden, mit Händen und Mimik und erklären mir; „Weißt du, unsere Muttersprache, „Gebärden“, hat eine Grammatik wie deine Muttersprache Deutsch. Nur einfacher und logischer.“

Eine unglaubliche Frau – eine wunderbare Freundschaft. Helene, ich grüße Dich!

 

Anmerkung: Diesen Artikel schrieb ich 1996. Mittlerweile ist Helene Jarmer Abgeordnete zum Nationalrat in Österreich https://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_57367/

Helene
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Alles, im Kleinen und Großen, beruht auf Weitersagen.”
Christian Morgenstern, dt. Schriftsteller (1871-1914)
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