Lokalkrimi in Wien

Wer den Derrick kennt, wer Gorkji Park gesehen hat oder sonst viel Zeit vor der Kiste verbringt, weiß genau, wie die Paradekiller Menschen umbringen. Nämlich mit großen Gewehren oder Revolvern, natürlich auch gern mit Schalldämpfer, und meistens zeigt den Mördern ein verräterischer roter Laserpunkt, der von der Waffe ausgeht, das Ziel an, damit sie es ja nicht verfehlen.

Wer viel auf Vorträgen oder Kongressen sitzt, weiß, dass viele Vortragende heute anstatt des früher üblichen Zeigestabs eine Art Taschenlampe benützen, um bestimmte Punkte auf Landkarten etc. hervorzuheben: diese bleistiftgroßen „Laserpointer“ schicken einen roten Laserstrahl aus, der auf der Karte dann als wandernder Punkt sichtbar wird.

Einmal, als so ein Laserpointer noch etwas wirklich Wertvolles war, bekamen wir als Studenten so ein Ding in die Hände und machten uns eine Gaude daraus, Passanten zu necken, indem wir vor ihnen auf dem Boden den Punkt tanzen ließen. Wir freuten uns, wenn sie sich umsahen und fragten, woher denn dieses rote Etwas kam, was es wohl sei.

Unsere Hausbesorgerin ist nun zugegebenermaßen schon grundsätzlich etwas nervös, und auch der Fernseher dröhnt so gut wie immer aus der Portierswohnung.

Gar nicht lustig fand Frau Hanousek allerdings, dass sie plötzlich so einen tanzenden Punkt in ihrer Wohnung bemerkte. Wie es das Schicksal will, machte der Punkt auch ausgerechnet auf der Schläfe ihres schlafenden Mannes Halt, und das war entschieden zuviel. Bewegung, jetzt.

Sie weckte den Schlafenden, ließ die Rollos herunter, ging in Deckung und rief die Polizei. „Jemand versucht, uns umzubringen“, stammelte sie, und Minuten später war nicht nur unser Haus, sondern der gesamte Platz von einer Sondereinheit der Polizei abgeriegelt und umstellt.

Ein Nachbar informierte den anderen, und bald wußten alle, dass auf den Hausmeister Hanousek ein Mordversuch verübt worden war. Ob er überlebt habe, fragten die einen. Die anderen klebten an den Fenstern, und die Polizei hatte Mühe, die Leute zu überzeugen, dass Gefahr im Verzug und es deshalb nicht gerade ratsam sei, am Fenster zu hängen. Also verdunkelte alles nach „Chicago 1939“-Manier die Räume und glaubte, nun am Fenster für den Mörder unsichtbar zu sein.

Das gegenüberliegende Haus wurde gestürmt. Eine Wohnung wurde aufgebrochen, weil sich der Mörder nicht meldete, sie war aber leer. ln der nächsten war „er“ aber: ein Jugendlicher hatte den Laser-Zeigestab seines Vaters gefunden und sich des Nachts – so wie wir auf der Uni untertags – die Gaude gemacht, Passanten, unter ihnen unsere Hausmeisterin, zu ärgern.

Die Pointe war sichtlich geplatzt. Der Junge hat jetzt nämlich garantiert eine Anzeige am Hals, und über die weiteren Konsequenzen gibt es nur Mutmaßungen – wer bezahlt den Einsatz, hätte der Vater die „Waffe“ besser verstecken sollen, ist er nicht auch verantwortlich, und wer geht jetzt überhaupt ins Gefängnis?

In Zeiten, in denen Schüler ihre Lehrer erschießen, war diese Reaktion kein Wunder. Wenn Achtjahrige in der Klasse die Munition des Vaters verteilen, und nach der ZiB, die dies verkündet, ausgerechnet ein Krimi auf Kanal XX läuft, liegt auch der Gedanke auf ein Mordkomplott auf Hausmeister Hanousek nicht fern. Trotzdem muss ich laut lachen, wenn jetzt immer wieder ein paar Jugendliche auf unserem Platz DIE Hymne anklingen lassen: „Da Hofa woa’s, vom Zehna-Haus …“

Jemand versucht, uns umzubringen …
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If at first, an idea doesn’t sound absurd, then there’s no hope for it.”
  Albert Einstein (1879-1955)
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