Die Nerven …

Wenn ich heute zugebe, dass Schwarzfahren im Sommer für uns als Studenten fast ein Sport war, der immer noch billiger kam, als „normal“ zu zahlen, dann schäme ich mich vor allem vor denen, die im Herbst neu nach Wien kommen, um zu studieren. Diese „Neuen“ werden nämlich für ihre Netzkarten ungleich mehr zahlen müssen als wir früher – immerhin hatten wir in Verbindung mit dem Studentenausweis und einer 50-Schilling-Zusatzmarke freie Fahrt in allen öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt.

Die Kontrollore werden wegen ihrer Uniform „Schwarkappla“ genannt. Es gab „Gschichtln“, wie ein Schwarzfahrer einem Schwarzkappla einmal davongerannt ist, wie sich ein anderer ganz schlau herausgeredet hat und wie wieder andere jeden Schwarzkappla, egal, ob in Zivil oder in Uniform, an seiner Nasenspitze erkennen konnten. So weit reichte mein Wissen leider nicht, obwohl mich damals die Verwegenheit dieser Gerissenen tief beeindruckte. lch bin ganz am Anfang meiner Zeit in Wien einmal – und mit Fahrschein – kontrolliert worden und das war so lange mein einziges Erlebnis dieser Art, dass ich sehr wohl mit dem Gedanken spielte, auch schwarz zu fahren und wie die anderen einfach Geld zu sparen.

Bis eines Tages am Südbahnhof ein Rucksacktourist mit mir in den Bus 13a einstieg. Ich wollte es probieren, ich glaubte, dass ich so verwegen sein konnte, dass ich auch „gesetzlos“ sein musste und wollte eben so cool sein wie die Anderen auch – und hätte zudem durch die Einsparung Geld für ein zusätzliches Cola und ein „Gschichtl“ zum Erzählen gehabt.

Der Tourist nahm vor mir Platz, hinter mir waren schon ein Pfarrer, ein paar Jugendliche und ein paar Hausfrauen. Ich saß auf meinem Sitz wie auf Nadeln, beobachtete jeden neuen Passagier ganz genau und kämpfte mit mir, nicht zum Fahrscheinautomaten zu gehen und den erlösenden Knopf zu drücken.

Und tatsächlich kamen SIE. „Fahrschein-Kontrolle, bitte die Fahrsclieine vorweisen!“, tönte es gleichzeitig von hinten und von vorne. Ich saß in der Zwickmühle.

Und sie kamen in Windeseile näher, jeder andere schien den befreienden Fahrschein zu haben, ich wollte mich in Luft auflösen und suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, zu entrinnen – „Feuer!“ zu rufen, einen Ohnmachtsanfall zu bekommen oder einen Weinkrampf, mich zum Automaten hin zu schmuggeln oder mich ganz einfach dumm und stumm zu stellen oder unter meinem Sitz zu verkrümeln. Und sie kamen näher und näher.

Ausgerechnet eine Hausfrau hinter und der Tourist vor mir hatten keinen Fahrschein. Das heißt, der Tourist hatte sogar einen, aber der war so zerknittert und zerrissen, dass die Schwarzkappler fanden, der könne nur gefälscht sein. Zwei Delinquenten waren ihnen auch genug. Sie stiegen mit den beiden aus und machten ernste Miene.

lch, die zwischen den beiden gesessen hatte, wurde nicht mehr kontrolliert, obwohl mein roter Kopf und mein verzweifeltes Herumwühlen in meiner leeren Tasche wohl mehr als auffällig waren. Zitternd stieg ich an der nächsten Haltestelle aus und haderte mit der Welt – zwei Helden hatten mich vor einer Strafe bewahrt und büßten jetzt für mich.

Von nun an kaufte ich mir wieder Fahrscheine und erzählte den „Verwegenen“, die sich trotzdem noch trauten, ich hielte den Stress des Schwarzfahrens nervlich einfach nicht aus (natürlich ohne dieses „Gschichtl“ je zu erwähnen). Ich wurde auch noch einige Male kontrolliert und zitterte vor Übelkeit, obwohl ich einen Fahrschein hatte.

Nicht nur deshalb fahre ich jetzt lieber mit dem Auto.

Schwarzkappla
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To bring freedom to mankind means to get them to talk to each other.”
Karl Jaspers, dt. Philosoph (1883-1969)
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