Nur eine Frage

Lukas Kratochwil saß am offenen Fenster und beobachtete die Leute auf der Mariahilferstraße. Viele kauften ein und wieselten wichtig umher; die meisten mit Plastiktaschen und Paketen, und wäre nicht die dicke heiße Sommerluft stickig in der Straße gestanden, hätte man glauben können, ein Anlass wie Weihnachten stehe bevor.

Es läutete an der Türe. Kratochwil öffnete.

„Lukas Kratochwil?“ fragte ein ungepflegter, ganz in schwarz gekleideter Typ. „Ja, Sie wünschen?“, fragte Kratochwil, aber der Besucher stand schon im Vorzimmer, ohne Einladung und ohne überhaupt gegrüßt zu haben. Kratochwil schloss die Tür.

„Himmel, was will der von mir“, dachte Kratochwil und sah den ungeladenen Besucher an. Immer schon hatte er Leute, die sich nur schwarz kleideten, für herzlich fantasielos gehalten, aber dieser Typ schoss den Vogel ab. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren, vielleicht, da hätte er als Gruftie gelten können, blass, wie er war; aber heute? Heute sah er nur mehr lächerlich aus.

„lch bin dein Unglück“, sagte der Andere.

Kratochwil, immer schon eher sarkastisch und respektlos, konnte sich sein Lachen kaum verkneifen. „Jaja, du kassierst die Stromrechnung oder bist der Exekutor, gell“, dachte er sich, aber sagen konnte er nur: „Soso.“

„Ich bin dein Unglück und, so leid es mir tut, jetzt bin ich da. Du wirst von nun an lernen müssen, mit mir zu leben. Aber mein Erscheinen hat auch etwas Gutes, das bekommst Du zum Trost. Es ist ein großartiges Geschenk, verkenne es nicht, das ist meine Kompensation für Dein von nun an furchtbares Schicksal: Du darfst mir eine Frage stellen, ganz egal welche, und ich werde sie Dir beantworten. Aber gib Acht! Frage mich nur, was Du wirklich wissen willst und was Dir wichtig ist, denn Du wirst mir nur diese einzige Frage stellen dürfen. Wähle Deine Frage gut.“

Der Schwarzgekleidete setzte sich wie selbstverständlich in den großen bequemen Fauteuil in Kratochwils Wohnzimmer. Kratochwil schloss das Fenster. Jetzt brauchte er Ruhe.

Ruhe wollte er, denn jetzt musste er ganz genau überlegen, was er denn sein Unglück fragen sollte. Eine einzige Frage, was für ein Wahnsinn! Die Welt ist voll von Wundern, unerkannten Tatsachen und ungelösten Fragen, und wie sollte er sich da auf eine einzige beschränken! Und wieso kam da ausgerechnet sein Unglück daher, ihm eine wichtige Frage zu beantworten! Hätte nicht vorher schon sein Glück ihm dieses Geschenk machen können?

Kratochwil begann zu schwitzen. Die Uhr tickte. Der Typ saß da und und starrte ihn ernst an. Sein Unglück sollte der also sein. Sein Unglück. Was sollte er jetzt nur fragen, wieviel Zeit blieb ihm nur, was würde sein Unglück als Nächstes sagen oder tun oder fragen oder machen?

Kratochwil wurde nervös. Wo liegt das Ende der Welt? Wie sieht das Weltall aus Gottes Perspektive aus? Wie lange werde ich leben? Wird die Welt einmal besser werden? Werde ich reich? Nein, das konnte er sein Unglück doch unmöglich fragen.

Kratochwil zermarterte sich den Kopf. Ihm wurde schlecht. Der Typ starrte ihn noch immer an, mit sorgenvoller Miene, so, wie man sich ein in einem Menschen verkörpertes Unglück eben vorstellt.

Und Kratochwils Zorn begann zu wachsen. Was bildete sich sein Unglück überhaupt ein? Spazierte da herein, wie selbstverständlich, gar wie eingeladen, behauptete, sein ureigenes Unglück zu sein und ihm –trotzdem!- eine wichtige Frage beantworten zu können, und machte ihm das Leben schwer, ohne dass da irgend etwas ausgemacht war? Woher kam dieses Unglück eigentlich, wer hatte das oder den bestellt?

„Nun, hast du dich entschieden, was du mich fragen möchtest?“, fragte Kratochwils Unglück, und das Lächeln in seinem schiefen Gesicht schien eisig und starr.

„]a“, antwortete Kratochwil seinem Unglück und richtete sich auf. Er holte tief Luft, sah den Typen, sein Unglück, von oben herab an, wie er oder es oder der oder das in seiner eigenen Stube infam herumlungerte.

„Meine Frage ist: Kannst du jetzt einfach endlich verschwinden?“

Kratochwils Glück im Unglück
Markiert in:                     
Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.”
Albert Camus (1913-1960)
GrohsFORMAT benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit dieser Webseite zu verbessen. Wenn Sie mit Ihrem Besuch auf dieser Website fortfahren, nehmen wir an, dass Sie mit der Verwendung von Cookies einverstanden sind.